Brücken ins Licht
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- Category: Der Kristall
- Published on Tuesday, 20 March 2012 00:00
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Gleich einem Fels lag die Last der Zeit auf den Seelen der Menschen. Vor dem Dröhnen bombenträchtiger Hornissen floh die Bevölkerung ganzer Landstriche in die modernde Feuchtigkeit düsterer Keller und Unterstände.
Das Leben war zu sklavischem Frohnen für den Tod geworden und der Tod zu einem millionenfachen Zerrbild seiner Würde. Die Luft hockte mit hektischen Zügen zwischen einem ewigen Kommen und Gehen, die Freude wagte nur selten und verschämt noch sich der Sonne zuzuwenden, während das Meer des Leids seine riesigen Wogen sturmgepeitscht und unaufhörlich über die Lande schäumte.
Zu jener Zeit fanden die Wachen aller Schichten auf eigene Weise zueinander. Befohlenes Schweigen gebar eine tönende Sprache der Herzen. Des Volkes Todesnot erweckte das Leuchten der Wahrheit in den Augen vieler Menschen, so daß urplötzlich all jene als Deutsche sich erkannten, die sonst die Abgründe vielfältiger Überzeugungen trennten. Die Seelen befreiten sich wundersam von Geboten und Weisungen, deren trübe Quellen irgendwo verborgen im Dunkel lagen. Man gewann Freunde dort, wo man sie sonst nie gesucht, Hände, die sich einst als Fäuste drohten, taten Gutes einander, Fäden der Liebe und Kameradschaft verschlangen sich zu tragsamen Brücken über der schmutzigen Schlammflut eines nicht sterben wollenden Krieges. Wie das Leuchten einer milden Sonne stand das gute Wissen um solch neues Werden über Brand und Mord und befreite die Seelen vor dem drohenden Chaos grausigen Verzweifelns. – Und viele solcher Brücken hielten lange über die Zeit des endenden Zusammenbruchs hinweg, bewährten sich in der bitteren Not nagenden Hungers – bis die Fluten des Überflusses leise an den Pfeilern zu nagen begannen, bis auf dem Acker der Sattheit die geilen Triebe der Selbstsucht ihre unkrautträchtigen Wurzeln schlugen, bis die dunklen Sendboten feindlicher Mächte erneut willige Ohren fanden und die stinkende Blüte der Zwietracht abermals ihren Pesthauch in die Weite sandte. – Und so steht heute wohl nur noch in weitem Abstand da und dort eine solche Brücke aus schwerer Zeit, einsam und mahnend kündend von der weltenwendenden Kraft der Seele des Volkes, das sich nur dann zu retten vermag, wenn es sich ihres Waltens in Treue bewußt bleibt.
Entnommen aus: “Der Weg ins Wesentliche”, Erich Limpach
Original-URL: http://derkristall.wordpress.com/2012/03/20/brucken-ins-licht/

